Helene Lange: Frauenrechtlerin und Politikerin

Am 9. April 1848 wird Helene Lange als Tochter des Kaufmanns Carl Theodor Lange und dessen Frau Johanne (geb. Tom Dieck) in Oldenburg geboren.

Im Alter von sieben Jahren verliert sie die Mutter, die an Schwindsucht stirbt. Als Helene Lange 16 Jahre alt ist, stirbt der Vater und sie wird als Vollwaise von ihrem Vormund in ein süddeutsches Pfarrhaus gegeben. Der Vormund verweigert ihr eine Ausbildung als Lehrerin.

"Lehrerin zu werden, das Lehrerinnenexamen abzulegen - einige der wenigen standesgemäßen beruflichen Möglichkeiten, die es seinerzeit für die Töchter der gehobenen Schichten gab, wurde mir verwehrt, das habe noch niemand im Oldenburger Land getan."

Deshalb nimmt sie 1866 eine "au pair" Stelle in einem Internat in Petit Chateau im Elsass an.

Dort erteilt sie Unterricht in deutscher Literatur und Grammatik und kann dafür an allen Lehrveranstaltungen teilnehmen. Sie beginnt ein intensives Selbststudium der Philosophie, Literatur- und Religionsgeschichte, Geschichtswissenschaft und der alten Sprachen. Nachdem sie 1871 nach Berlin übersiedelt ist, legt sie 1872 das Lehrerinnenexamen ab.

Die Arbeit als Lehrerin an einer privaten Bildungsanstalt der höheren Mädchenschule und eines Lehrerinnenseminars geben ihr einen Überblick über das Frauenbildungswesen der Zeit und ermöglichen Einblick und Anschluss an die progressive Frauenbewegung in Deutschland.

Nachdem die Petition an das preußische Unterrichtsministerium und das Abgeordnetenhaus, in der sie mit einigen anderen Frauen zusammen einen größeren Einfluss von Lehrerinnen in den öffentlichen höheren Mädchenschulen und eine wissenschaftliche Lehrerinnenausbildung forderte, abgelehnt wurde, veröffentlicht sie die Begleitschrift zu dieser Petition, die so genannte Gelbe Broschüre „Die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung" in der ihre Haltung zur Frauenbildung zusammengefasst ist. Ihr Ziel ist die Unterrichtung der Mädchen durch Frauen, auch in den wissenschaftlichen Fächern, sowie die Einrichtung staatlicher Lehranstalten für die Lehrerinnenausbildung für Oberklassen. Ihrer Meinung nach können sich Frauen besser in die zu unterrichtenden Mädchen einfühlen. Bisher wurden die meisten Lehrveranstaltungen von Männern abgehalten.

Zornig gemacht hatte sie unter anderem die Formulierung des Ziels der höheren Mädchenbildung, ausgesprochen in der Weimarer Versammlung der Oberlehrer der höheren Töchterschulen 1872. Der Knabenbildung "ebenbürtig" sollte sie sein, aber warum?
"Damit der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häuslichen Herde gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde."

1889 bietet Helene Lange Realkurse (u.a. unter Einbeziehung von Latein, Mathematik, Naturwissenschaften) für Frauen in Berlin an, die 1893 in Gymnasialkurse umgewandelt werden.
Pfingsten 1890 gründet sie den "Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein" (ADLV) in Friedrichroda, dem sie 31 Jahre lang vorsteht. Dieser Verein entwickelt sich rasant. 1890 wird der Verein von 85 Frauen gegründet, 1891 sind es bereits ca. 3000 Mitglieder, 1897 ca. 10.000 Mitglieder in etwa 60 Zweigvereinen und 1918 ca. 40.000 Mitglieder, bestehend aus Lehrerinnen aller Schulgattungen.

1893 gründet Helene Lange die Zeitschrift "Die Frau", die sich zur bedeutendsten Zeitschrift der bürgerlichen Frauenbewegung entwickelt. Ab 1893 ist sie auch im Vorstand des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins" (ADF).

1894 tritt sie als Vorstandsmitglied dem neugegründeten "Bund Deutscher Frauenvereine" (BDF) bei, dem Dachverband aller deutschen Frauenverbände.

Zwischen 1904 und 1914 nimmt Helene Lange an Kongressen des Internationalen Frauenrates in Berlin, Rom, Paris, Genf und Stockholm teil.

Nachdem ab 1896 allen Absolventinnen des ersten von Helene Lange eingerichteten Gymnasialkurses die Hochschulreife zugesprochen wurde, wird den Frauen 1908 endlich gestattet an preußischen Universitäten zu studieren.

Helene Lange wird als beratendes Mitglied zu einer Bildungsreformkommission der preußischen Kultusverwaltung zugezogen, muss aber neben der positiven Erreichung der Studienerlaubnis für Frauen auch hinnehmen, dass ab dem Jahr ein Drittel der Lehrkräfte an Mädchenschulen männliche Lehrer sein müssen, die sogar durch einen Schulboykott ein männliches Schuloberhaupt erzwingen können.

Nach Aufhebung der Preußischen Vereinsgesetzgebung 1908, die Frauen die Mitgliedschaft in politischen Parteien untersagte, schließt sie sich der Freisinnigen Partei an.

Von 1917 bis 1920 lebt sie in Hamburg, wo sie 1919 als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) die konstituierende Sitzung der Hamburger Bügerschaft als Alterspräsidentin eröffnet. (1919 wurde in der Weimarer Republik das aktive und passive Wahlrecht für Frauen eingeführt.)

1920 geht Helene Lange zurück nach Berlin und zieht sich allmählich aus der Vereinsarbeit zurück.

1923 erhält sie die Ehrendoktorwürde für Staatswissenschaften der Universität Tübingen

1928 wird ihr die große preußische "Für Verdienste um den Staat" verliehen.

Privat lebt und arbeitet Helene Lange ab ihrem 50. Lebensjahr bis zu ihrem Tod mit Gertrud Bäumer zusammen.

13. Mai 1930 stirbt Helene Lange in Berlin.

Eine Schülerin von Helene Lange berichtet:
"Die siebzigjährige Helene Lange war von hohem, kräftigen Wuchs. Sie trug das weißschimmernde Haar wie eine Krone geflochten auf dem Kopf. Buschige Augenbrauen festigten feingeschliffene, edle Züge. Alles an Ihr war ernst, unbeirrbar, einfach. Ihr Unterricht war von ungebrochener Ganzheit, von hohem geistigen Niveau, von großer Frische und Originalität. Sie gab die Fülle ihrer geistigen Welten in einfachen Linien. Ich persönlich hatte etwas Angst vor ihr, sobald sie die Klasse betrat, während meine Banknachbarin sich vor Freude, sie nur ansehen zu dürfen, nicht halten konnte und mir jedes Mal heftige Püffe versetzte."

Bedeutende Publikationen Helene Langes:

1887 "Gelbe Broschüre" (Die höhere Mädchenschule und ihre Bestimmung)

1901-1906 "Handbuch der Frauenbewegung" (4 Bd.)

1907 "Die Frauenbewegung in ihren gegenwärtigen Problemen"

1921 "Lebenserinnerungen"

1922 "Kampfzeiten"